Re:Wien Erfolg: Wild Textiles
/in News /Auch im September gibt es wieder eine Re:Wien-Erfolgsgeschichte: Wild Textiles. Das Startup aus dem Re:Wien Programm von OekoBusiness Wien und dem Impact Hub Vienna verwandelt Obst- und Gemüseabfälle in innovative, plastikfreie Materialien. Im Interview spricht Gründerin Sandra Galaviz über die Hintergründe und ihre Vision.
Wer bist du und was steckt hinter deinem Startup „Wild Textiles“?
Ich bin Sandra Galaviz, Gründerin von Wild Textiles. Wir entwickeln wortwörtlich eine neue Textilkultur. Mithilfe von Bakterienkulturen verwandeln wir Obst- und Gemüseabfälle in textile Folien, die komplett frei von giftigen Chemikalien sind und sich im Heimkompost zersetzen lassen. Die Einsatzmöglichkeiten sind sehr vielfältig – aktuell konzentrieren wir uns aber vor allem darauf, Materialien zu schaffen, die fossile Kunststofffolien in der Buchbinderei ersetzen können.
Wie entstand die Idee für dein Startup und was ist die Vision?
Die Idee entstand aus meinem Interesse zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung und den enormen Umweltschäden durch PU-Textilien beizutragen. Ich habe lange mit verschiedenen Biomaterialien experimentiert, bis mir klar wurde: Bakterielle Zellulose könnte tatsächlich Teil der Lösung sein.
Unsere Vision ist, uns in der DACH-Region als führende Cradle-to-Cradle-Lösung für den Umgang mit Obst- und Gemüseabfällen sowie deren Rückführung in die Wertschöpfungskette zu positionieren – durch die Herstellung plastikfreier, bioabbaubarer Textilien, die umweltschädliche Kunststoffe und Leder ersetzen – in Zusammenarbeit mit lokalen Werkstätten.
Wie stellst du deine Materialien her und wofür können sie verwendet werden?
Wir nutzen einen mehrstufigen Fermentationsprozess: Aus Obst- und Gemüseresten entsteht durch Essig- und alkoholische Fermentation bakterielle Zellulose. Danach wird das Material pflanzlich gegerbt und schonend getrocknet. Der Prozess kommt ohne giftige Chemikalien aus und der Wasser- und Energieverbrauch ist relativ gering. Das Ergebnis ist ein Blatt Material, das je nach endgültiger Mischung ähnliche Eigenschaften wie Papier, Kunststoff oder Leder aufweisen kann.
Sie können für viele Zwecke verwendet werden – beispielsweise für Taschen, Accessoires, Innenraumgestaltung oder Dekorationsgegenstände. Wie bereits erwähnt, liegt unser derzeitiger Schwerpunkt eindeutig auf der Buchbinderei, wo sonst PU-Materialien oder PU-beschichtete Naturtextilien zum Einsatz kommen. Hier möchten wir eine plastikfreie, zirkuläre und nachhaltige Alternative anbieten.
Was war bisher dein größter Meilenstein oder Erfolg als Gründerin?
Für mich persönlich ist der größte Erfolg, dass ich unsere Materialien wirklich Cradle-to-Cradle halten konnte – ohne auf Plastik oder Bioplastik zurückzugreifen, nur um schneller auf den Markt zu kommen. Das wäre für mich ein Kompromiss gewesen, den ich nicht eingehen wollte.
Möglich war das nur durch verschiedene Startup-Programme, bei denen ich wertvolle Mentorships und Beratung in Bereichen bekommen habe, die für ein junges Unternehmen sonst kaum leistbar sind. Ein weiterer großer Schritt war die Unterstützung durch die Community, die unser Lab-Atelier-Equipment über eine Crowdfunding-Kampagne mitfinanziert hat. Seit Juli diesen Jahres nehmen wir außerdem an einem Inkubationsprogramm teil, das uns Zugang zu einem Makerspace – einer offenen Werkstatt – der Biotechnologie-Community ermöglicht.
Wie gehst du mit Herausforderungen um? Welche Learnings konntest du davon mitnehmen?
Für mich ist offene Kommunikation sehr wichtig. Wenn niemand weiß, vor welchen Herausforderungen ein Projekt steht, wie soll dann Unterstützung kommen?
Außerdem spielt Intuition eine große Rolle bei meinen Entscheidungen, was oft kritisch gesehen wird. Aber nicht immer liefern Zahlen und Analysen die besseren Antworten.
Rückblickend kann ich jetzt schon sagen, dass ich bis heute alle Herausforderungen, denen ich mich stellen musste, mit Hilfe von jemandem aus der Community lösen konnte.
Wie sehen die nächsten Ziele aus? Wie soll es für Wild Textiles weitergehen?
Wir haben gerade zwei große Ziele: Erstens wollen wir unseren bisher komplett manuellen Produktionsprozess automatisieren. Zweitens möchten wir Folien herstellen, die genau den Anforderungen der lokalen Buchbinderei-Industrie entsprechen.
Da unser Prozess dem der Papierherstellung sehr ähnlich ist, suchen wir aktuell die Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Papierlabor oder einer Pilotanlage, um unsere eigene bakterielle Zellulosepaste weiter zu testen. Parallel dazu arbeiten wir daran, die nötige Finanzierung zu sichern, um von der Handarbeit in die industrielle Fertigung überzugehen.
Was würdest du dir in Zukunft von der Stadt Wien, Betrieben und der Wirtschaft wünschen?
Obwohl es viele Initiativen und Programme für Startups gibt, würde ich mir eine Online- oder Offline-Plattform wünschen, auf der sich Ideen, spezialisierte Labore, Förderprogramme und Kooperationsmöglichkeiten mit Unternehmen einfacher und schneller miteinander verknüpfen lassen. Zumindest in meinem Fall, da ich außerhalb Österreichs aufgewachsen bin und studiert habe, war und ist es noch immer ein sehr langwieriger Prozess, diese Kontakte zu finden.
Ich habe jedoch gesehen, dass es eine offene Wirtschaft gibt, die den Mut hat, neue Materialien auszuprobieren und nachhaltige Alternativen aktiv einzusetzen.
Ich würde mir auch mehr Förderung und Finanzierungsmöglichkeiten für kreative Low-Tech-Startups wünschen.



