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Jürgen Czernohorszky über die Wiener Kreislaufwirtschaftsstrategie

11. März 2026/in News

Die im Herbst 2025 präsentierte Strategie „Zirkuläres Wien – eine runde Sache“ soll Wien in eine Zukunft mit möglichst wenig Ressourcenverbrauch und Verschwendung weisen. Im Regierungsprogramm der Stadt ist die Kreislaufwirtschaft ein wichtiger Schwerpunkt in der Fortschreibung des Wiener Klimafahrplans: Ziel ist die Integration der Kreislaufwirtschaft in allen Bereichen der Stadt – als Querschnittsthema mit Klimaschutz und Klimaanpassung.

1) Herr Stadtrat, was bedeutet die Strategie „Zirkuläres Wien – eine runde Sache“ ganz konkret für Wiener Betriebe – wo werden Unternehmen die Veränderungen im Alltag als erstes spüren?

Im Mittelpunkt unserer Strategie steht das Thema Ressourcenschonung – also der achtsame Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen. Das beginnt bei unserem Umgang mit Lebensmitteln, nachhaltigem Konsum, einer vorbildlichen Abfallwirtschaft und reicht bis zur Wiederverwendung gebrauchter Güter und Materialien oder dem schonenden Umgang mit Bodenressourcen.

Die Wiener Wirtschaft kann dazu einen großen Beitrag leisten: Viele Wiener Unternehmen setzen in ihrem Alltag bereits auf Kreislaufwirtschaft durch die Reduktion von Abfall, die Wieder- und Weiterverwendung von Produkten oder durch Reparaturen. Und viele befassen sich auch mit innovativen Geschäftsmodellen der Kreislaufwirtschaft.

Ich sehe in der Kreislaufwirtschaft Chancen für Versorgungssicherheit, Resilienz und Stärkung der Region Wien. Wenn wir zirkulär wirtschaften, sichern wir unsere Lebensqualität!

2) Die Strategie „Zirkuläres Wien“ umfasst 33 Hebel. Welche Hebel sind aus Ihrer Sicht für Wiener Betriebe besonders relevant, etwa beim Thema Beschaffung, Abfallvermeidung oder Wiederverwendung von Materialien?

Mit unseren „Hebeln“ wollen wir Wien in den kommenden Jahren zur Stadt ohne Verschwendung machen: So möchten wir als Stadt in unserer Rolle als Beschafferin mit gutem Beispiel voran gehen und durch verstärkte Zusammenarbeit mit Unternehmen die Entwicklung von zirkulären Produkten und ressourcenschonenden Dienstleistungen fordern und fördern.

Im Bereich der Lebensmittel legen wir einen Schwerpunkt auf lokal und biologisch produzierte Lebensmittel, die zum Teil direkt in der Stadt produziert werden.

Ein zentrales Thema ist auch der Baubereich: Hier geht Wien in Richtung „zirkuläres Bauen“ und möchte mit neuen Verfahren, Vorgaben und Digitalisierung für einen effizienteren Einsatz von Ressourcen sorgen. Im Bereich der Stadtentwicklung stehen wiederum ein kreislauforientierter Umgang mit Bodenaushub oder neue Flächen für Kreislaufwirtschaft und die damit einhergehende Logistik im Mittelpunkt.

Gerade Städten kommt beim Thema Kreislaufwirtschaft eine große Verantwortung zu – kann man doch gerade hier am besten erproben, welche Lösungen am besten funktionieren!

3) Viele Betriebe fragen sich, ob Kreislaufwirtschaft zusätzliche Kosten verursacht: Welche Unterstützungsangebote oder Förderungen stehen Unternehmen zur Verfügung, damit sich Investitionen rechnen?

Wir wollen Unternehmen bei ihrer Umstellung auf kreislauforientierte Produkte und Geschäftsmodelle unterstützen und begleiten. Im engen Schulterschluss unterstützen unser Programm OekoBusiness und Wirtschaftsagentur Wien Unternehmen mit Services, Förderungen und Infrastrukturangeboten bei ihren konkreten Schritten Richtung Kreislaufwirtschaft.

Ich bin fest davon überzeugt, dass zirkuläres Wirtschaften sich auf mehreren Ebenen rechnet: Einerseits sind dann Unternehmen weniger auf globale Rohstoff-Märkte angewiesen, die immer mehr Unsicherheiten bieten. Kreislaufwirtschaft ermöglicht die Aufbereitung sowie Wieder- und Weiterverwendung bereits genutzter Ressourcen!

Die verstärkte Wiederverwendung von regionalen Ressourcen erhöht die regionale Wertschöpfung. Diesen Vorteilen mögen derzeit teilweise noch höhere Kosten gegenüberstehen. Werden aber Umweltfolgen des linearen Wirtschaftens in diese Rechnung eingepreist, so sind zirkuläre Alternativen nicht teurer.

4) Im Lebensmittelbereich legt Wien großen Wert auf lokal und biologisch produzierte Produkte. Was können Betriebe in Gastronomie, Schulen oder Pflegeeinrichtungen konkret tun?

Lebensmittelproduktion, Lebensmitteltransport und Lebensmittellagerung verursachen ein Viertel bis ein Drittel aller Treibhausgas-Emissionen. Die Wahl unserer Lebensmittel und unser Umgang damit beeinflussen das Klima unmittelbar. Das Thema Lebensmittel ist also einer der großen Hebel, auf den wir als Stadt verstärkt setzen wollen.

Ein wesentlicher Faktor ist für uns das Schließen lokaler und regionaler Kreisläufe. Wien verfügt dank seiner Gemüse- und Ackerbaubetriebe, Gärtnereien und Weingüter über eine gut funktionierende Stadtlandwirtschaft. Etwa 200 Gemüseanbaubetriebe sorgen in Wien für regional und saisonal produziertes Gemüse – das Angebot ist also da und sollte von den Betrieben und Institutionen auch genutzt werden!

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vermeidung von Lebensmittelabfällen: Wir setzen hier auf Bewusstseinsbildung, Förderung von Lebensmittelspenden und zahlreiche andere Maßnahmen, die Lebensmittelabfälle beginnend bei der Herstellung bis zum Verzehr reduzieren sollen. Bei OekoBusiness Wien werden Betriebe animiert, ihre nachhaltige Küche durch „Natürlich gut Essen“ auszeichnen zu lassen oder einen Schwerpunkt auf die Vermeidung von Lebensmittelabfällen zu legen.

5) Welche Möglichkeiten haben Wiener Betriebe, sich besser zu vernetzen, Synergien zu nutzen und gemeinsam Materialkreisläufe zu fördern?

Indem sie unsere vielen Netzwerke und Angebote nutzen: Das reicht von unserem OekoBusiness-Programm, Initiativen der Wirtschaftsagentur bis hin zum Reparaturnetzwerk. Kreislaufwirtschaft muss nicht kompliziert sein – wir bieten als Stadt eine gute Basis, auf der man aufbauen kann.

6) Wenn wir in einigen Jahren zurückblicken: Woran sollen Wiener Betriebe erkennen, dass „Zirkuläres Wien“ ein Erfolg ist – und welche Rolle wünschen Sie sich dabei insbesondere von kleinen und mittleren Unternehmen?

Die Wiener Wirtschaft ist von einer großen Vielfalt geprägt – vom produzierenden Gewerbe, über den Dienstleistungsbereich, vielen klein- und mittelständischen Unternehmen, der Industrie, bis hin zu einer lebendigen Start-up-Szene.

Dementsprechend groß ist auch die Innovationskraft: Ich bin davon überzeugt, dass sich gerade in den nächsten Jahren spannende Geschäftsmodelle der Kreislaufwirtschaft entwickeln werden und dass wir alle gemeinsam Lösungen für zentrale Herausforderungen finden werden.

Stellen wir uns vor, wie es sein wird, wenn Wien es geschafft hat und auf Kreislaufwirtschaft umgestellt ist. Eine Stadt ist, in der die Jobs der Zukunft entstanden sind, die regionale Wirtschaft floriert und in der ein gutes Leben für alle Menschen möglich ist. Daran will ich gemeinsam mit den Wiener Unternehmen arbeiten!

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